1193. Sonntagsimpuls

Liebe*r Leser*in!

 

Der Apostel Thomas, der im Mittelpunkt des heutigen Sonntagsevangeliums steht, hat meine volle Sympathie. Nicht nur, weil er nicht zur ‚ersten Garde‘ der Apostel gehört. Hier finden sich der Lieblingsjünger Johannes, der erste Apostel Petrus und Jakobus der Ältere, der Bruder des Johannes. Sondern auch, weil Thomas sich nicht mit dem alleinigen Hören der Auferstehungsbotschaft durch die Jünger*innen zufrieden gibt. Er möchte selbst sehen, möchte im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen, dass Jesus lebt und unter ihnen ist. Wenn er in der biblischen Wirkungsgeschichte etwas abschätzend als der „ungläubige Thomas“ hingestellt wird, so wird das ihm, seiner Person und seiner (Glaubens-)Haltung, nicht gerecht. Thomas steht im Glauben für den Typus des Suchenden, des Fragenden und Zweifelnden.

Hat sich in Ihrem Glauben schon einmal der Zweifel geregt? Eine gewisse Verunsicherung und Fragwürdigkeit gegenüber dem, was wir glaubend behaupten? Und dann evtl. auch das Erschrecken darüber, dass da diese Zweifel, diese Verunsicherungen und diese Fragen sind. Sie sind in guter Gesellschaft.

Für Tomas Halik, tschechischer Theologe und Priester, gehört der Zweifel zum Glauben dazu. „Glaube und sein Bruder Zweifel“ – so der Titel eines seiner Bücher. Beide brauchen einander. Der Zweifel hilft, dass Glaube nicht zur Ideologie verkommt, die fraglose Zustimmung erwartet. Der Glaube hilft, dass der Zweifel nicht in zynische Skepsis abgleitet, die keine Hoffnungsperspektive mehr bereit hält.

Thomas reicht es nicht, von der Auferstehung Jesu durch die Jünger*innen zu hören. Er möchte seine eigene Erfahrung mit dem Auferstandenen machen. Ja, Glaube kommt vom Hören. Doch dieses Hören muss mich anrühren, mich innerlich bewegen, muss zu einer tiefen persönlichen Glaubens-Erfahrung werden. Mir gefällt dieser Thomas, der nachhakt, der tiefer bohrt, der zweifelnd, suchend und fragend im Glauben unterwegs ist. Und Jesus lässt Thomas seine ganz persönliche Erfahrung machen.

„Gott liebt jene, die mit ihm ringen.“ (Tomas Halik)

 

 

Einen gesegneten zweiten Ostersonntag!

 

Hermann Steinkamp

Redaktion

SonntagsImpulse.de

Das Evangelium von heute (Joh 20,19-31)

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden
bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte
und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Thomas, der Dídymus – Zwilling – genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände!
Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm:
Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben,
damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.