1203. Sonntagsimpuls

Liebe Leser:innen!

 

Wir leben in ‚biblischen Zeiten‘. Es sind Zeiten großer Umbrüche und Veränderungen. Dies zeigt sich mit Blick auf die Gesellschaft und auch auf die Kirche. Die Stichworte hierfür sind uns nur allzu bekannt: einerseits Coronapandemie und Klimawandel, andererseits sexualisierte Gewalt und Kirchenaustritte. Kardinal Marx hat es in seinem Rücktrittsgesuch mit drastischen Worten für die Kirche beschrieben: „Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen ‚toten Punkt‘“. Das uns bisher Vertraute löst sich auf. Wir wissen noch nicht, was an seiner Stelle Platz nehmen wird. Aber wir wissen, es muss sich was ändern.

Es sind Worte aus einer längst vergangenen Zeit, die wir heute in dem Lesungstext aus dem Ersten Testament lesen. Ein Großteil der Bevölkerung Israels ist ins babylonische Exil verschleppt worden. Die Situation der zurückgebliebenen Israelit:innen ist gekennzeichnet von Hoffnungslosigkeit und Lähmung. Sie haben sich abgefunden mit der Situation („Wir können ja doch nichts machen.“). Durch den großen Propheten Ezechiel („Gott macht stark“) spricht nun Gott zu seinem Volk Worte des Trostes und der Hoffnung, „Heilworte in meine Tagängste“ (Wilhelm Bruners). Dabei gebraucht Ezechiel ein wunderbares Bild aus der Natur: „Ich mache den hohen Baum niedrig, den niedrigen Baum mache ich hoch. Ich lasse den grünenden Baum verdorren, den verdorrten Baum lasse ich erblühen.“

Hierin steckt die Zusage, dass Gott Verhältnissen, die zum Himmel schreien, eine klare Absage erteilt. „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“, so sagt es Bertolt Brecht in seinem Lied von der Moldau. Und Ezechiels „Heilworte“ enthalten auch eine Vision. Die Vision, dass es anders geht, dass Verdorrtes wieder ergrünen und blühen wird. Ezechiels Worte sind ein Weckruf aus der Lähmung und der Hoffnungslosigkeit, die letztlich nur Tod bedeuten. So wie auch die vielen Stimmen der jungen Generation in der „Fridays-for-future-Bewegung“ ein Weckruf an uns als Gesellschaft sind, unsere Lebensverhältnisse zu überdenken und zu ändern.

So wie auch die Worte von Kardinal Marx ein Weckruf sind, den „toten Punkt“ zum „österlichen Wendepunkt“ werden zu lassen und sich von einer bestimmten Weise des Kircheseins zu verabschieden, um dem Neuen, das schon anfänglich erblüht, mehr Raum zu geben.

 

Einen gesegneten Sonntag!

 

Hermann Steinkamp

Redaktion

SonntagsImpulse.de

 

 

 

Die erste Lesung von heute (Ez 17,22-24)

 

Lesung aus dem Buch Ezechiel

So spricht GOTT, der Herr: Ich selbst nehme vom hohen Wipfel der Zeder und setze ihn ein. Einen zarten Zweig aus ihren obersten Ästen breche ich ab, ich selbst pflanze ihn auf einen hohen und aufragenden Berg. Auf dem hohen Berg Israels pflanze ich ihn. Dort treibt er dann Zweige, er trägt Früchte und wird zur prächtigen Zeder. Alle Vögel wohnen darin; alles, was Flügel hat, wohnt im Schatten ihrer Zweige.

Dann werden alle Bäume des Feldes erkennen, dass ich der HERR bin. Ich mache den hohen Baum niedrig, den niedrigen Baum mache ich hoch. Ich lasse den grünenden Baum verdorren, den verdorrten Baum lasse ich erblühen. Ich, der HERR, habe gesprochen und ich führe es aus.